
Der Verstand
Den Verstand muss man sich in zwei Teile aufgeteilt
vorstellen. Auf der einen Seite haben wir jenen Verstand, mit dem wir
bewusst denken und arbeiten können. Dieser Verstand analysiert, er kann
Dinge unterscheiden, vergleichen und gleichsetzen, je nach Tatbestand.
In diesem Verstand haben wir tausende und abertausende von Informationen,
zu denen wir einen mehr oder weniger guten Zugriff haben, über diesen
Verstand haben wir eine gute Kontrolle. Je nach Schulung und Training
können wir mit ihm intelligente oder gar geniale Einfälle haben. Dieser
Teil ist in Ordnung. Schult man ihn, könnte man sogar sagen, er sei perfekt.
Wir wollen diesen Verstand den analytischen Verstand nennen.
Was uns zu schaffen macht, ist der andere Verstand. Auch in diesem Verstand
sind Erinnerungen gespeichert, aber diese sind unbewusst und schmerzhaft.
In diesem Verstand sind jene Erinnerungen gespeichert, die wir lieber
verdrängen. Wir möchten nicht, dass diese Dinge geschehen sind.
Was sind das für Erinnerungen? Geschlagen oder gescholten worden sein,
das angeschlagene Schienbein, der Zahnarztbesuch, eine Scheidung, peinliche
Fehler, um nur einige zu nennen. Erinnern Sie sich gerne daran, wie jemand
starb, der Ihnen nahe stand?
Diesen Verstand kontrollieren nicht Sie, er kontrolliert Sie. Sie sind
nicht Ursache über ihn, sondern Effekt von ihm. Wie kontrolliert er die
Person? Analysieren wir dies anhand eines Beispieles: Jemand ist sauer
auf seinen Chef, ob gerechtfertigt oder nicht ist einerlei. Er lässt bei
einem Mitarbeiter Dampf ab. In seinem Ärger sagt er mehr als bloss die
Wahrheit und braucht unschöne Worte. Mitten im Gespräch geht die Türe
auf und ausgerechnet der Chef tritt ein. Er will, dass der verärgerte
Mitarbeiter des späteren Nachmittags zu ihm ins Büro kommt. Obwohl der
Chef kaum mitbekommen hat, was da gesprochen wurde, wird nun der reaktive
Verstand den analytischen mit lästigen Gedanken lähmen. Immer wenn er
sich konzentrieren will, beginnt eine Gedankenmaschinerie abzulaufen.
"Was will er von mir? Hörte er was ich da sagte? Bekomme ich eine
Rüffel oder gar die Kündigung? Was sagt meine Frau, wenn ich arbeitslos
bin?" Dieser Verstand reagiert einfach.
Nehmen wir noch ein weiteres Beispiel. Ein Kind will ein Streichholz anzünden
und verbrennt sich die Finger. Jedesmal wenn nun dieses Kind aufgefordert
wird, ein Streichholz anzuzünden, wird es diese Erinnerung vor Augen haben
und sich weigern, dies zu tun. Drängt man es, wird es weinen oder Zeter
und Mordio zu schreien beginnen. Die Erinnerung des Verbrennens der Finger
wird wieder aktiv, sogar den Schmerz fühlt es in diesem Moment wieder.
Das Geschehnis wurde re-aktiviert. Frühere, ähnliche Erinnerungen werden
re-aktiviert, auch wenn sie im Moment nicht richtig bewusst sind. Weil
dieser Verstand wieder aktiv wird, nennen wir ihn reaktiver Verstand.
Der reaktive Verstand kann sehr stark in den analytischen Verstand hineinwirken.
Vor allem tut er dies, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wir denken,
wir hätten unser Denken im Griff. Je schlechter man es im Griff hat, desto
fester denkt man dies. Wir kämen nie auf die Idee, ein Teil unseres Verstandes
spiele verrückt. Das eigene unlogische Verhalten zu sehen ist sehr schwierig,
fast unmöglich. Bei anderen Leuten ist es viel einfacher zu erkennen.
Beim Kind mit den verbrannten Fingern sehen wir sofort, dass es sich überwinden
muss um Streichhölzer anzünden zu können. Diese relativ ungefährliche
Tätigkeit nicht zu lernen ist unvernünftig und hinderlich. Bei einem Erwachsenen
würde dies gar als gestörtes Verhalten eingestuft!
